»Ben und seine Freunde im Konzert«

Gedanken nach einer musikalischen Matinee mit Peter Hölschers Klangskulpturen

In der „taz“ las ich gestern Abend eine Kritik von Till Ehrlich („Inkorporierte Andersheit“) über den in der documenta auftretenden spanischen Starkoch Ferran Adria, der seine Gerichte als Essenzen aus Nahrungsmitteln kreiert, – erschafft, muss man eigentlich sagen. Ein Schleier von Geruch, ein Hauch, eine Wolke von Materie, eine Miniatur aus Farbtupfern auf dem weißen Teller: „sadomasochistischer Eros des Entzugs der Fülle“, nennt es der Kritiker. Koch-KUNST, da geht es nicht um Genuss, sondern um die Verwandlung von Essbarem in Ästhetik, eine Art Transsubstantiation., wie Ehrlich meint.

Komisch, ich dachte an Peter Hölschers Klangskulpturen, denen ich am Sonntag wieder in einem „Konzert mit Ben und seinen Freunden“  lauschen würde.
Die erste Begegnung in Schloss Benrath hatte ich in faszinierender Erinnerung, Gebilde aus Holz und Metall, Blechen, Drähten, ein solider Kasten mit Struppelhaar, eine schlanke Spirale mit kleinem Drahtsegel. der behäbige Spieltisch, von einem Papierblatt zum Flüstern verführt, und Ben, die verschlankte Bassgeige, – nein, so kann man den schönen ovalen Holzkorpus eigentlich nicht beschreiben, aufwärts und abwärts gleitend und tönend über dem langen runden Stab in seinem geheimnisvollen Innern.  – Also, Ben hatte ich noch früher kennen gelernt, in der Galerie Obst in Köln, ohne die Gesellschaft der anderen, eine sehr selbstbewusste Gestalt, von seinem Bespieler zu eindrucksvollen Tonfolgen und Signalen animiert.
Warum war mir das bei der KochKunstKritik eingefallen?
Irgendwie war es das Gegensätzliche von „sadomasochistischem Entzug der Fülle“, aber doch auch so etwas wie Transsubstantiation, Verwandlung von grobschlächtiger Materie, Holz und Eisen (und im Innern der Gebilde verborgener Elektronik) in eindrückliche Gebilde, die man sogar benennen konnte, Ben und Anna, und die über Tönen und Geräuschen miteinander kontaktieren – abweisend, sich näher kommend, heiser krächzend,  klangvoll tönend, werbend, verendend. aufwachend.

Jetzt beschreibe ich schon das Konzert in der Villa Zanders in Bergisch Gladbach mit „Ben und seinen Freunden“ , den Musikern Dietmar Bronnen, Andreas Schilling, Susanne Hille, Lothar Burghaus und Ralf Weifenbach, Peter Hölscher und seine  Klangskulpturen: Anna, Ben, Herr Berg, „R“ und T|E|E. Es war erfreulich gut besucht und die designten Kirchentagshocker zum Draufsitzen sehr angenehm. – Aber es war auch interessant, wie die Besuchergestalten auf Einladung in den einzelnen Spielräumen nach den Urhebern der Töne auf Suche gingen, wobei sich leider nur das Parkett mit störenden Zwischentönen einmischte.
Meine Freundin (gestandene Musiklehrerin) verweilte und lauschte auf ihrem Hocker den Tönen und Geräuschen, „Das ist eine Art von Musik“, sagte sie, „der man nachdenken muss. Das habe ich mir gar nicht so vorstellen können. Das höre und sehe ich mir gerne wieder an.“

Mir hat es auch wieder sehr gefallen, und ein Zitat aus dem oben schon erwähnten Artikel möchte ich auch noch weitergeben, als Hommage an Peter Hölscher:

„Spricht man aber mit Künstlern, dann wird die Rezeption Nebensache, der Herstellungsprozess und die Begegnung mit der Andersheit des entstehenden Werkes treten in den Vordergrund. Ein kreativ Tätiger zielt nicht auf Wirkung ab, sondern entwickelt ein Verhältnis zur Andersheit des Mediums, und eine Freude, an der Grenze des Unberechenbaren entlang zu intervenieren.“  Till Ehrlich

Von Dr. Anneliese Lissner